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Neuroplastizität des Gehirns. Der Schlüssel zum Schmerz?

NeuroplastizitätNeues Wissen darüber, wie das menschliche Gehirn auf chronischen Schmerz reagiert, könnte die Behandlung von betroffenen Patienten verbessern. Dies erhoffen sich Australische Wissenschaftler aus Adelaide, die sich mit den Innenansichten der Gehirne von Schmerzpatienten beschäftigen.

Schätzungen zufolge leiden mehr als 100 Millionen Amerikaner und 50 Millionen Europäer an chronischen Schmerzen. In Australien sind es circa 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Chronischer Schmerz wirkt sich in vielen Bereichen auf das Leben der Betroffenen aus. Schmerz-Patienten fehlen unter anderem häufig in der Arbeit und müssen auf gemeinsame Unternehmungen mit Familie und Freunden verzichten. Ein verbessertes Verständnis über die Ursachen würde dazu beitragen, dass Mediziner nicht nur die Symptome behandeln, sondern vielleicht sogar den Schmerz an seiner Wurzel packen könnten, betonen die Wissenschaftler. Profitieren davon würden Patienten durch ein deutliches Plus an Lebensqualität.

Die Anpassungsfähigkeit des Gehirns und chronischer Schmerz

Beschäftigt man sich mit dem Innenleben des Gehirns, stößt man unweigerlich auf den Begriff ‚Neuroplastizität‘. Neuroplastizität beschreibt die aktive Anpassungsfähigkeit des Gehirns. Sie liegt allen Lern- und Gedächtnisvorgängen zugrunde. Ohne Neuroplastizität könnte sich weder das frühkindliche Gehirn entwickeln, noch wäre lebenslanges Lernen möglich. Ein entscheidendes Merkmal von Lernvorgängen auf der Ebene einzelner Nervenzellen ist, dass ein externer Reiz die Funktion der Zelle anhaltend ändert. Ändert sich das Verhalten einer Nervenzelle, kommt es zu spontan auftretenden elektrischen Entladungen.

Da die Ursachen des chronischen Schmerzes noch nicht geklärt sind und sich die meisten Forschungen zu diesem Thema bisher auf das Rückenmark beschränkt haben, beschritten die Australischen Wissenschaftler einen anderen Weg. Sie wollten herausfinden, welche Rolle die Neuroplastizität des Gehirns bei der Entstehung von chronischen Schmerzen spielt – Neuroplastizität wird schon seit längerem mit der Thematik ‚chronischer Schmerz‘ in Zusammenhang gebracht. Die Forscher untersuchten deshalb Patienten mit chronischen Spannungskopfschmerzen – eine weit verbreitete Schmerzform, an der die meisten Betroffenen mindestens 15 Tage im Monat leiden. Spannungskopfschmerzen zeichnen sich durch ein dumpfes, anhaltendes Druck- oder Spannungsgefühl aus, das meistens auf beiden Seiten des Kopfes auftritt. Weitere Symptome sind Schlafstörungen, Reizbarkeit, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen sowie Despressionen und Angstzustände.

Die Teilnehmer der Studie erhielten ein motorisches Training, das darin bestand, den Daumen so schnell wie möglich in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Um den Lernerfolg zu messen, wurde festgehalten, wie schnell die Personen ihren Daumen in die jeweils gewünschte Richtung bewegen konnten. Zusätzlich erfassten die Wissenschaftler mithilfe einer nicht-invasiven Stimulations-Technik die Neuroplastizität der Studien-Teilnehmer. Normalerweise haben Teilnehmer eines motorischen Trainings nach einiger Zeit Lernerfolge, die auch mit einer neuroplastischen Veränderung im Gehirn einhergehen. Studienteilnehmer ohne Erfahrung mit chronischem Schmerz verbesserten ihre Leistung während des Trainings und die Wissenschaftler beobachteten eine damit verknüpfte neuroplastische Veränderung im Gehirn. Bei den Patienten mit chronischen Kopfschmerzen dagegen kam es weder zu einer Leistungsverbesserung durch das Training noch zu einer neuroplastischen Veränderung. Dieses Ergebnis, so vermuten die Wissenschaftler, lässt auf eine beeinträchtigte Neuroplastizität schließen.

Insgesamt liefern die Studienergebnisse neue und tiefgreifende Erkenntnisse über die Ursachen chronischer Schmerzen. Sie könnten möglicherweise dazu beitragen, eine gezieltere Therapie für Schmerz-Patienten zu entwickeln. Diese Therapie würde sich nicht nur für Patienten mit chronischem Spannungskopfschmerz eigen, sondern könnte bei allen chronischen Schmerzarten – also auch bei Arthrose – zum Einsatz kommen.

Quelle: University of Adelaide. „Chronic pain research delves into brain: New insight into how brain responds to pain.“ ScienceDaily. ScienceDaily, 12 March 2014. <www.sciencedaily.com/releases/2014/03/140312103143.htm>.

Autor: Birgit Klötzer (M.A.), wissenschaftliche Redakteurin

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