Anzeige

Ist es sinnvoll, eine Hüft- oder Knieprothesen-Operation aufzuschieben?

© Arthrose Journal

© Arthrose Journal

Sie sind beim Orthopäden, haben schon seit längerem Schmerzen im Knie- oder Hüftgelenk. Ihr Gelenk wird untersucht, der Arzt stellt vielleicht eine leichte Bewegungseinschränkung fest und verordnet eine Röntgenaufnahme. Bei der Röntgenbesprechung sagt man Ihnen, dass das Gelenk bereits sehr verschlissen sei und dass eine Versorgung mit einer Prothese bereits angebracht ist. Sie haben fast damit gerechnet, haben aber gehofft, dass die Operation noch ein wenig verzögert werden kann. Sie möchten schon eine Linderung haben, aber nicht unbedingt gleich durch eine Operation. Sie haben Recht. Es kann durchaus ein Versuch mit konservativen Behandlungen begonnen werden, zum Beispiel mit Medikamenten, Kortisoninjektionen, mit einer physikalischen Therapie oder mit dem Einsatz von Hilfsmitteln (Gehstützen, Bandagen).

Sie haben aber auch Sorge, dass ein Aufschub der Hüft- oder Knieprothesen-Operation eventuell zu Nachteilen führen könnte: Wird der Eingriff für den Operateur später schwieriger oder komplizierter?

Antwort:

Um es einfach zu machen, die Antwort ist nein. Es kommt selten zu einer schwierigeren Operation, wenn es sich um eine Verzögerung von Wochen und Monaten handelt, manchmal auch Jahre. Sie haben durchaus Zeit, den richtigen Kurs für Ihre Behandlung festzulegen: Sie können einfache Behandlungen anfangen, bei Bedarf eine Diät einlegen oder sich eine zweite Meinung einholen. Sie dürfen sich ruhig Zeit nehmen, um Ihre Optionen zu prüfen.

Bei der Entscheidung, noch zu warten, sollten einige Überlegungen mit einfließen. Langes Aufschieben einer Gelenkersatzoperation kann unter manchen Umständen das Ergebnis der Operation negativ beeinflussen:

1. Das Einsteifen des Gelenkes

In den meisten Fällen von Arthrose steift ein Gelenk über Monate und Jahre langsam ein. Manchmal setzt die Versteifung über wenige Monate ein. Sie entsteht durch Verklebungen der gelenkumgreifenden Strukturen, die Gelenkkapsel schrumpft, die umgebenden Muskeln und Sehnen verkürzen sich. Wenn man weiß, dass zum Beispiel die noch vorhandene Beweglichkeit in einem Kniegelenk ein Indikator für die Beweglichkeit nach der Implantation einer Knieprothese ist, sieht man, dass in dem Fall zu langes Warten das postoperative Ergebnis beeinflussen kann. Ein sehr steifes Hüftgelenk mit verkürzten Hüftmuskeln kann die Nachbehandlung nach einer Hüftprothesenoperation auch verzögern.

2. Atrophie der Muskulatur (Muskelschwund)

Die gelenkumgreifende Muskulatur schwächt sich mit der Zeit ab. Dies ist ein normales Phänomen, wenn Muskeln geschont werden, in dem Fall handelt es sich um eine schmerzbedingte Schonung des betroffenen Gelenkes. Die Rehabilitation kann sich dadurch schwieriger gestalten. Die ursprüngliche Muskelstärke kann meistens nicht mehr erreicht werden.

3. Verformung des Knochens

Es handelt sich dabei meistens um einen langsamen Prozess. Die Arthrose kann in einem Kniegelenk einseitig erfolgen, am häufigsten ist der innere Gelenkspalt betroffen, in seltenen Fällen eher der äußere Gelenkspalt. Dies führt mit den Jahren zu einem O- oder X-Bein mit oft lockeren Seitenbändern. Der Operateur wird bei der Implantation einer Knieprothese versuchen, die Achsenfehlstellung zu korrigieren. Im Spätstadium ist das manchmal nur mit speziellen Implantaten (sogenannten gekoppelten Prothesen) möglich. Am Hüftgelenk kann sich der Hüftkopf abflachen und die Pfanne sich dadurch verbreitern. Eine Begleiterscheinung ist eine Beinverkürzung, die man bei der Prothesenimplantation versucht auszugleichen.

4. Kompensatorische Reaktionen

Dieses Phänomen ist noch umstritten. Es geht um Ausgleichreaktionen im Körper, wenn ein Gelenk durch Arthrose in seiner Funktion eingeschränkt ist (Bewegungsumfang, Belastbarkeit). So ist es möglich, dass eine schwere Hüftarthrose mit einsteifendem Gelenk, eventuell zusätzlicher Beinverkürzung Auswirkungen auf das Iliosakralgelenk und die Wirbelsäule haben kann. Es handelt sich dabei um die angrenzenden Gelenke, die unbewusst eingesetzt werden, um den Bewegungsverlust des Hüftgelenkes auszugleichen. Eine zusätzlich eintretende Beinverkürzung kann somit auch Auswirkungen auf die Wirbelsäule haben – und die Hüftarthrose mit der Zeit Schmerzen im Bereich dieser Skelettabschnitte verursachen. Eine Kniegelenkarthrose kann auch durch eine Verlagerung des Gewichtes auf die gesunde Seite das Kniegelenk auf dieser Seite negativ beeinflussen.

5. Allgemeine Gesundheitsprobleme

Für den Operateur ist bei Patienten, die den Zeitpunkt der Hüft- oder Knieprothesen-Operation sehr lange verschoben haben, die Operation „nur“ eine technische Herausforderung. Bei einem älteren Patienten bedeutet es oft zusätzliche Begleiterkrankungen (Herz-und Lungenkrankheiten, Diabetes), eine reduzierte Ausdauer, manchmal auch eine Gewichtszunahme. Dieser begleitende Zustand kann auch einen großen Einfluss auf das Operationsergebnis haben.

Im optimalen Fall sollten bei einer Operationsentscheidung und bei der Festlegung eines Termins diese Faktoren berücksichtigt werden. Es gibt Argumente, um eine Operation zu verschieben (Gewichtsreduktion, Verbesserung des Allgemeinzustandes). Der optimale Operationszeitpunkt kann normalerweise nicht verpasst werden, wenn der Arzt rechtzeitig aufgesucht wird und der Patient sich regelmäßig kontrollieren lässt (mindestens einmal jährlich).

 

Autor: Dr. med. Jean-Louis Dumas, Facharzt für Orthopädie, Chefredakteur

 

Diesen Beitrag drucken
Diesen Beitrag per E-Mail weiterempfehlen

Teilen Sie diesen Beitrag