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Arthrosetherapie: Krankheitsmodifizierende Medikamente?

Arthrosetherapie

© Kzenon – Fotolia

Was kann man von krankheitsmodifizierenden Medikamenten für die Arthrosetherapie erwarten?

Die Arthrose, im angelsächsischen Raum „Osteoarthritis“ (OA) genannt, ist eine der häufigsten Erkrankungen weltweit und stellt für Betroffene und Allgemeinheit eine enorme Belastung dar (ungefähr 9% der Männer und 18% der Frauen im Alter von 60 Jahren leiden an OA). Die Patienten haben oft starke Schmerzen und leiden unter einer zunehmenden Funktionseinschränkung. Obwohl Arthrose zu den zehn häufigsten Erkrankungen auf der Welt gehört, kann sie bislang nicht geheilt werden.

Von der symptomatischen zur kausalen Arthrosetherapie?

Die heutigen Therapien setzen an verschiedenen Punkten an. Zur medikamentösen Schmerztherapie werden unter anderem Paracetamol, NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika) und Opiate empfohlen. Ihr Nutzen ist in soweit begrenzt, dass die Arthrose überwiegend ältere Menschen trifft, die aufgrund von Nebenerkrankungen und des Alters diese Medikamente nicht mehr so gut vertragen. Die funktionelle Therapie erfolgt in erster Linie mittels einer Physiotherapie. Im fortgeschrittenen Arthrosestadium ist der künstliche Gelenkersatz oder, je nach Gelenk, die Versteifung eine Therapieoption. In manchen Fällen ist ein gelenkerhaltender chirurgischer Eingriff möglich (beispielsweise eine Korrektur der Beinachse oder Knorpeltransplantationen). Diese therapeutischen Optionen haben alle etwas gemeinsam: Sie sind weder in der Lage den Knorpel zu reparieren, noch können sie eine Arthrose heilen.

Was sind krankheitsmodifizierende Arthrosemedikamente (DMOAD)?

Ein DMOAD (Disease modifying osteoarthritis drug) ist ein Medikament, welches das Fortschreiten der Krankheit verlangsamt. Idealerweise werden auch Symptome und Funktion der betroffenen Gelenke verbessert.

Bis zum heutigen Zeitpunkt ist kein solches Medikament offiziell lizenziert worden. Sowohl die FDA (Food and Drug Administration) in den USA als auch die europäische EMA (European Medicines Agency) verlangen von einem DMOAD nicht nur eine Verlangsamung oder einen Stopp der röntgenologischen Zeichen der Krankheitsverschlechterung, sondern auch einen langfristigen klinischen Vorteil.

Die bisherigen Unternehmungen, DMOAD zu entwickeln, beschränkten sich auf den hyalinen Knorpel (Form des Knorpelgewebes, welcher sich in erster Linie im Gelenkknorpel findet) und brachten vermeintliche Chondroprotektiva (Knorpelschutzmittel) hervor.

Wie soll geforscht werden?

Eine Herausforderung für die zukünftige Forschung ist es, Möglichkeiten zu finden, wie die Wirkung der neu entwickelten Medikamente geprüft werden kann. Die bisher durchgeführte Röntgenaufnahme, die die Gelenkspaltbreite am Knie prüft, reicht nicht aus: Die Knorpelschicht erhöht sich pro Jahr ungefähr um 0,1 mm. Da dieser Bereich so klein ist, sind Fehlmessungen möglich. Die Knorpelbreite hängt auch vom Meniskuszustand ab, eine Information über den am Knorpel anliegenden Knochen ist damit auch nicht möglich. Interessanter wäre eine Kernspintomographie des Gelenkes, die mehr Informationen über den Zustand des Knorpels und des darunterliegenden Knochens zeigen kann. Eine weitere Möglichkeit ist die Messung der Zeit, wie lange der Zeitpunkt für einen künstlichen Gelenkersatz verschoben werden konnte. Die Kriterien für einen Ersatz sind die Summe von drei Faktoren: die Funktion, der Schmerz und das Ausmaß der strukturellen Veränderungen. Man weiß jedoch auch, dass es nicht immer einen direkten Zusammenhang zwischen diesen Faktoren gibt, was die Studien weiterhin erschwert. Ein weiteres Problem ist die Durchführung der Studien an Tiermodellen und die Übertragung der Ergebnisse auf den Menschen.

Grundsätzlich müssten die Studien über eine längere Zeit laufen (mehrere Jahre!). Wichtig ist auch, dass festgestellt werden kann, ob diese neuen Medikamente auch Nebenwirkungen haben können, da sie über einen langen Zeitraum eingenommen werden sollen.

Gibt es bereits DMOAD-Kandidaten?

Krankheitsmodifizierende Medikamente gibt es bereits in der Behandlung von Rheumakrankheiten und der Multiplen Sklerose.

Man musste sich bei rheumatischen Erkrankungen lange mit einer rein symptomatischen Schmerztherapie (Therapie, die die Schmerzen lindert) begnügen, die auf den fortschreitenden Krankheitsprozess – die Zerstörung des Gelenkknorpels – keinerlei Einfluss nahm. Heute ist das erste Ziel, den fortschreitenden Krankheitsprozess zu stoppen oder zumindest zu verzögern. Dies gelingt zu einem hohen Prozentsatz mit dem Einsatz einer ganzen Reihe von verschiedenen Medikamenten, die unter dem Namen DMARD (disease modifying anti-rheumatic drugs, krankheitsverändernde anti-rheumatische Medikamente) zusammengefasst sind.

In der Rheumatologie werden DMARDs als Basistherapie eingesetzt. Sie hindern die Immunzellen des Körpers daran, die körpereigenen Knorpelzellen anzugreifen und zu zerstören. Dies sind zum Beispiel Methotrexat (MTX) und Sulfasalazin. Vielleicht werden ähnliche Wirkstoffe auch bei Arthrose eingesetzt werden können. Es kann auch sein, dass bei Arthrose mehrere DMOAD gleichzeitig eingenommen werden müssen.

Mehrere Wirkstoffe werden zurzeit daraufhin geprüft, ob sie als krankheitsmodifizierendes Medikament zur Arthrosetherapie zum Einsatz kommen können.

  • Osteoporosemedikamente wie Bisphosphonate mit einer möglichen Wirkung auf den subchondralen Knochen (der Knochen unterhalb der Knorpelschicht, dessen Zustand entscheidend ist für die Ernährung des Knorpels) oder Strontiumranelat, ein Osteoporosemittel, das bereits in einer Drei-Jahresstudie eine positive Wirkung auf den Knorpel gezeigt hat.
  • Osteogenic protein-1, ein Wachstumsfaktor mit Wirkung auf den Knochen.
  • Inhibitoren von Enzymen (Enzymhemmer), die die Kollagenfasern zerstören oder schädliche Stoffe im Gelenk herstellen.
  • Vitamin D, das eine Rolle beim Stoffwechsel vom Knochen und Knorpel spielt.
  • Doxycycline, ein Antibiotikum mit möglicher Wirkung auf den Knorpel.

Das Konzept der „Disease Modification“ ist sehr vielversprechend und wird in den nächsten Jahren große Entwicklungsschritte erleben.

Es gibt vielleicht viele verschiedenen Arten von Arthrose

Die festgestellte unterschiedliche individuelle Wirkung der erforschten Mittel lässt darauf schließen, dass es vermutlich unterschiedliche Arthroseformen gibt. Eine zukünftige Entwicklung könnte darauf basieren, dass diese Arthroseformen erkannt und so einer geeigneten medikamentösen Therapie zugeführt werden können.

Es werden Diagnoseverfahren entwickelt werden müssen, mit denen man erkennen kann, ob Patienten einer Risikogruppe angehören, die möglicherweise eine schwere Form der Arthrose entwickeln. Nur so wäre es möglich, bereits in einer frühen Phase eine angemessene Arthrosetherapie durchzuführen.

Bei den direkten und indirekten Arthrosekosten, zum Beispiel in den USA von ca. 116 Mrd. Dollar/Jahr oder in Deutschland von ca. 6,7 Mrd. Euro/Jahr, und einer steigenden Inzidenz (Neuerkrankungen) weltweit ist dies ein sehr wichtiger Forschungsbereich. Neue Entwicklungen auf dem Gebiet der krankheitsmodifizierenden Medikamente – auch für die Arthrosetherapie – sind deshalb in den nächsten Jahren wahrscheinlich.

 

Autor: Dr. med. Jean-Louis Dumas, Facharzt für Orthopädie, Chefredakteur

Quellen:

European Medicines Agency. Guideline on clinical investigation of medicinal products used in the treatment of osteoarthritis. 2010

Hellio Le Graverand-Gastineau MP. OA clinical trials: current targets and trials for OA. Choosing molecular targets: what have we learned and where we are headed? Osteoarthritis Cartilage. 2009;17(11):1393-1401.

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