Anzeige

Kniegelenkarthrose im Alter ist keine Altersarthrose

Arthrose ist eine Krankheit des Gelenks und betrifft die ganze Funktionseinheit inklusive Schleimhaut, Knochen, Kapsel, Ligamente, Sehnen und Muskeln. Sie trifft den Menschen im Alter sehr unterschiedlich. Warum können manche Neunzigjährige 20 Kilometer Skilanglauf am Stück problemlos bewältigen und sich andere Neunzigjährige nur mithilfe von zwei Unterarmstützen bewegen?

Kniegelenkarthrose im Alter

Warum sich im Alter der Gelenkknorpel oft abnutzt, ist bis jetzt noch nicht definitiv geklärt. Manche Wissenschaftler gehen davon aus, dass es die sogenannte Altersarthrose nicht gibt. Es ist bekannt, dass manche Menschen auch im hohen Alter keine Arthrose entwickeln, andere haben eine schwere Arthrose, aber keine Beschwerden.

Theorien gegen die Altersarthrose

Mehrere Theorien zum Knorpelverschleiß im Alter wurden bisher erwähnt. Eine Möglichkeit könnte der nachlassende Einfluss der Geschlechtshormone sein. Eine weitere Erklärung könnte der verringerte Stoffwechsel der Chondrozyten (Knorpelzellen) sein. Eine andere Theorie geht davon aus, dass es einen altersbedingten Präzisionsverlust der neuromuskulär vermittelten Mechanismen zur Stoßdämpfung gibt. Man kann sich gut vorstellen, dass im Endeffekt alle diese Mechanismen gleichzeitig eintreten, jedoch bei jedem Menschen in einem unterschiedlichen Maße, womit die großen Unterschiede im Alter erklärt werden könnten. Eine sogenannte Altersarthrose gäbe es somit nicht.

Es gibt allerdings auch ethnische und genetische Faktoren, die das Auftreten einer Kniegelenkarthrose begünstigen können: So haben amerikanische Indianer, Afrikaner und Asiaten deutlich weniger Arthrose als kaukasische Bevölkerungsgruppen.

Laut wissenschaftlichen Studien spielt die Knie-Adduktion (Bewegung des Unterschenkels in Richtung O-Bein in der Belastungsphase) eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Kniegelenkarthrose des inneren Gelenkspalts. Diese Art der Arthrose stellt auch die häufigste Form der Kniearthrose dar Mit einer Reduzierung der Adduktion durch konservative Therapien, welche die Biomechanik des Kniegelenks beeinflussen, könnte dieses Phänomen verringert werden. Man hat festgestellt, dass mehrere kleine Maßnahmen diesen Effekt begünstigen. So sollte man sich das Gehen mit nach außen gedrehtem Fuß anlernen, das Tragen von flexiblen Sohlen oder gar Barfußlaufen kann diesen Effekt ebenfalls haben. Auch können spezielle Knieorthesen diese Wirkung verstärken und den inneren Gelenkspalt entlasten. Weiterhin kann ein Training bestimmter Oberschenkelmuskeln diese Wirkung verstärken. Die Benutzung eines Gehstockes auf der nicht betroffenen Seite hilft auch, so wie eine bestimmte Art, den Oberkörper beim Gehen seitlich zu schwingen. Somit könnten mehrere konservative Maßnahmen im Anfangsstadium einer Kniearthrose das Fortschreiten der Knorpelabnützung bremsen.

Weitere Studien haben festgestellt, dass eine gestörte motorische und sensorische Funktion der Beinmuskeln eine Dysfunktion und somit eine chronische Fehlbelastung des Kniegelenks herbeiführt, was wiederum für die Entstehung der Arthrose verantwortlich ist. Es konnte auch nachgewiesen werden, dass eine Verbesserung dieser Funktion eine positive Wirkung auf den Verlauf der Arthrose hat und sowohl Beschwerden als auch das Fortschreiten der Arthrose bremst. Eine entscheidende Rolle soll dabei die Propriozeption haben. Bei der Propriozeption handelt es sich  um die Wahrnehmung von Körperbewegung und -lage im Raum ebenso wie um die Wahrnehmung der Lage der einzelnen Körperteile zueinander. Verantwortlich dafür sind zum Beispiel sogenannte Mechanorezeptoren in den Muskeln, Sehnen und Bändern, die Veränderungen von Körperstellungen an die Nervenbahnen weiterleiten bis hin zum Hirn, um die notwendigen Reaktionen des Bewegungs- und Halteapparats in Gang zu setzen.

Sport hilft im Früh- und Spätstadium der Arthrose

Eine wirksame Behandlung der Arthrose sowohl im Früh- als auch im Spätstadium kann deshalb vor allem aus Übungen und Sport bestehen. Es sollte in Zukunft ein gezieltes Muskelaufbau-, Muskeldehnung- und Koordinationstraining erfolgen, idealerweise unter Berücksichtigung der individuellen neuromuskulären Defizite. Das individuelle Programm könnte durch ausgiebige Tests der jeweiligen Person bezüglich seines Trainingszustandes und Propiozeption aufgebaut werden und durch ausgebildete Trainer vermittelt und kontrolliert werden.

Quelle: N.D. Reeves, F.L. Bowling: Conservative biomechanical strategies for knee osteoarthritis
Nat Rev Rheumatol. 2011;7(2) © 2011 Nature Publishing Group

Autor: Dr. med. Jean-Louis Dumas, Facharzt für Orthopädie, Chefredakteur

Diesen Beitrag drucken
Diesen Beitrag per E-Mail weiterempfehlen

Teilen Sie diesen Beitrag