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Übergewicht und Arthrose: nicht nur mechanischer Stress auf die Gelenke?

Handarthrose

© stokkete Fotolia

Eine neue Studie könnte daraufhin deuten, dass Kniearthrose und Handarthrose unterschiedliche Auslöser haben. Im Bereich des Kniegelenkes scheinen mechanische Stressfaktoren den größten Einfluss zu haben, im Bereich der Hand eher systemische Prozesse (die sich auf ein ganzes Organsystem auswirken).

Die Studie bestand aus einer retrospektiven Analyse von Daten der NEO (Netherlands Epidemiology of Obesity). Die NEO ist eine Organisation, die erforscht, auf welche Art und Weise Krankheiten bei übergewichtigen und adipösen (stark übergewichtigen) Patienten entstehen.

Margreet Kloppenburg, die die Studie auf dem Kongress der European League Against Rheumatism 2014 vorgestellt hat, erklärt, „dass es nicht klar ist, wie Adipositas zur Arthrose beiträgt. Mehrere Mechanismen wurden vorgeschlagen, unter anderem die mechanische Beanspruchung eines Gelenkes, aber auch systemische Prozesse, die mit dem Fettgewebe zusammenhängen. Fettgewebe produziert Mediatoren, entzündungsfördernde Proteine und Hormone, die insgesamt die Entzündung, den Glucosestoffwechsel und die Insulinresistenz beeinflussen. Die Hypothese ist, dass diese Prozesse auch die Entwicklung der Arthrose fördern. Wenn wir diese Prozesse verstehen, können wir auch neue Therapieansätze entwickeln“.

Die Studie umschließt 6.628 Probanden, davon 56% Frauen. Das mittlere BMI (Body mass index) betrug 26. Die Teilnehmer wurden in drei Gewichtskategorien eingeteilt: unter 75 kg, 75 bis 90 kg und über 90 kg. Die Forscher erfassten dann die Stärke des Zusammenhangs zwischen mechanischem Stress und systemischen Prozessen sowie dem Auftreten einer Kniearthrose, einer Handarthrose oder dem kombinierten Auftreten von Knie- und Handarthrose. Indikator für mechanischen Stress waren Körpergewicht und fettfreie Masse, für den systemischen Prozess das metabolische Syndrom. Das metabolische Syndrom gilt als Vorstufe zu Diabetes mellitus 2 und besteht aus abdominaler Fettleibigkeit, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung und Insulinresistenz.

Starkes Übergewicht ist mit dem Auftreten von Kniearthrose und Handarthrose verknüpft

Die Ergebnisse der Studie führten zu unerwarteten Aussagen. Die Verbindung zwischen mechanischem Stress und Kniearthrose wurde erwartet und bestätigt. Die Assoziation von Übergewicht und dem gleichzeitigen Auftreten von Knie- und Handarthrose wurde dagegen so nicht erwartet. Es wurde auch eine deutliche Verknüpfung zwischen dem Vorhandensein eines metabolischen Syndroms und dem Auftreten einer Handarthrose festgestellt. Interessant war auch das vermehrte Auftreten von Kniearthrose und Handarthrosen bei Übergewicht, vor allem in der höchsten Gewichtskategorie.

Die Studie zeigt, dass das Entstehen einer Arthrose komplexer ist als vermutet. Die pathophysiologischen (krankhafte Veränderungen der Vorgänge im Körper) Mechanismen scheinen auch unterschiedlich zu sein, je nach betroffenem Gelenk. Möglich ist auch, dass bei einem Menschen unterschiedliche Mechanismen gleichzeitig Arthrose an mehreren Gelenken verursachen. Eine neue Sicht auf die Arthrose eröffnen vielleicht neue therapeutische Ansätze. Hieraus entstand auch die Idee, dass Arthrose eventuell das fünfte Glied des metabolischen Syndroms sein könnte. Bisher konnte jedoch noch nicht beobachtet werden, dass sich eine wirksame Blutdruck- und Diabetesbehandlung oder eine Senkung erhöhter Blutfettwerte positiv auf eine gleichzeitig vorliegende Arthrose auswirkt. Umgekehrt sollte man bei einer früh eintretenden Arthrose routinemäßig nach dem Vorliegen eines metabolischen Syndroms forschen. Daten haben auch ergeben, dass das Vorliegen eines metabolischen Syndroms auch ohne Adipositas Knorpelschäden verursachen kann. Die gleichen Moleküle, die beim metabolischen Syndrom und bei der Adipositas vorgefunden werden, sind für eine chronische Entzündung verantwortlich, und die Entzündung bedingt auch den Alterungsprozess der Zellen. Dieser Prozess wird auch „Inflammaging“ genannt (Inflammation und Aging).

In jedem Fall unterstreicht die Studie die Notwendigkeit einer Gewichtsabnahme – falls erforderlich – sowie einer ausreichenden Bewegungstherapie, um einer Kniearthrose und einer Handarthrose vorzubeugen. In bestimmten Fällen sollte durch Blutuntersuchungen, sofern noch nicht erfolgt, nach dem Vorliegen eines metabolischen Syndroms gesucht werden.

 

Autor: Dr. med. Jean-Louis Dumas, Facharzt für Orthopädie, Chefredakteur

Quellen:

Mechanical stress contributes to knee OA: Rationale for weight loss. M. Kloppenburg Clinical Pain Medicine Nov2014. Volume. 12(11)

Is osteoarthritis a metabolic disease? J. Sellam; F. Berenbaum Joint Bone Spine 80(2013)568-573

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