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Wirbelsäulengelenkarthrose – wie behandeln?

Die Therapie chronischer Wirbelsäulenschmerzen stellt im Praxisalltag eine große Herausforderung dar. Schmerzbedingte Einschränkungen verursachen im Alltag eine deutlich reduzierte Lebensqualität. Oft ist eine Schmerzlinderung durch die regelmäßige Einnahme starker Schmerzmittel möglich, jedoch empfiehlt es sich, auch andere Optionen bei der Behandlung zu berücksichtigen. Das Arthrose Journal sprach mit Professor Dr. med. Hans J. Latta, Facharzt für Unfallchirurgie und Orthopädie, Bayreuth, über aktuelle Behandlungsmöglichkeiten der Wirbelgelenkarthrose.

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Professor Dr. med. Hans J. Latta, Bayreuth

Herr Professor Latta, wie häufig kommt eine Arthrose der Wirbelgelenke – eine sogenannte Spondylarthrose – vor und welche Ursachen gibt es?

Eine Arthrose der Wirbelgelenke im Bereich der unteren beiden Bandscheiben der Lendenwirbelsäule (LWS) kommt im fortgeschrittenen Alter ab 60 Jahren nahezu bei jedem Patienten vor, auch im Bereich der beiden Bandscheiben zwischen dem 5. und 6. sowie 6. und 7. Halswirbelkörper. Bei 40% der Patienten über 40 Jahre sind die kleinen Wirbelgelenke im Bereich der LWS Ursache für Rückenschmerzen, bei Patienten unter 40 Jahre in 15% der Fälle. Im Bereich der Halswirbelsäule ist eine Arthrose der sogenannten Facettengelenke bei circa 2/3 der Patienten für Schmerzen in der Halswirbelsäule verantwortlich. Im Bereich der Brustwirbelsäule (BWS) treten Reizungen und Arthrosen der kleinen Wirbelgelenke sehr viel seltener auf, da die BWS mit den Rippen und dem Brustbein wie bei einem Korsett verbunden und damit geschützt ist.

Was passiert dabei mit der Wirbelsäule?

Es kommt daher aufgrund der Schmerzsymptomatik zu schmerzhaften Muskelverspannungen, teilweise Fehlhaltungen und Fehlbewegungen. Damit verstärkt sich der Schmerzkreislauf.

Welche Symptome gibt es? Wie macht sich eine Wirbelgelenkarthrose bemerkbar?

Im Bereich der LWS treten Kreuzschmerzen auf, welche sich einseitig oder beidseitig bemerkbar machen können. Ausstrahlungen können dabei bis in das Gesäß, auch in den Oberschenkel und selten sogar bis in den Unterschenkel auftreten. Im Bereich der Halswirbelsäule (HWS) treten meistens einseitig bedingte Nacken-Schulter-Schmerzen auf, teilweise mit Ausstrahlung in den Oberarm, teilweise seltener auch in den Hinterkopf. Im Bereich der BWS bestehen Rücken- und hintere Brustkorbbeschwerden mit schmerzhaften Ausstrahlungen, teilweise bis in die vordere Brust und in das Brustbein.

Kann auch die gesamte Wirbelsäule betroffen sein?

Ja, von der HWS über die BWS bis zur LWS.

Welche Alternativen gibt es zur medikamentösen Behandlung?

Zunächst muss die Schmerzursache, im Falle der Spondylarthrose genau das oder die Facettengelenke identifiziert werden. Dies geschieht mittels Röntgenbildwandler durch gezielte und kontrastmittelkontrollierte Infiltrationen mit Lokalanästhetika, evtentuell mit Kortisonzusatz, in die entsprechenden kleinen Wirbelgelenke oder auch an die schmerzweiterleitenden haarfeinen Nervenäste. Die Nervenäste versorgen die Facettengelenke ausschließlich mit Schmerznerven, die für die Schmerzwahrnehmung verantwortlich sind. Diese Schmerznerven, die sogenannten Rami mediales der Lendenwirbel, Halswirbel oder auch Brustwirbel, können bei immer wieder auftretenden, also therapieresistenten, Beschwerden mittels Radiofrequenztherapie verödet werden. Der Name kommt von einer Art von Strom mit einer Wellenlänge im Bereich von Radiowellen, dies hat aber nichts mit Radioaktivität zu tun. Dabei kommt es über eine Hitzeeinwirkung von ca. 60-80°C zu einer gezielten Zerstörung dieser reinen Schmerznerven. Nach circa 2 Jahren können diese Schmerznerven eventuell nachwachsen, dann kann diese Denervierungsbehandlung im Bedarfsfalle wiederholt werden. Meistens kommt es jedoch durch die Schmerzbesserung oder Schmerzfreiheit nach solch einer Denervierung zu einer Normalisierung der physiologischen Bewegungsabläufe des Patienten. Dies führt in der Regel trotz nachwachsender Schmerznerven zu einer anhaltenden Beschwerdebesserung oder Schmerzfreiheit.

Wie wird eine solche Denervierung durchgeführt? Schmerzt die Behandlung? Kann man sie auch wiederholen?

Solch eine Radiofrequenzdenervierung wird heutzutage in einem ambulanten Setting in speziell geschulten Zentren durchgeführt (zum Beispiel Orthopädische Schmerztherapie Bayreuth). Eine Narkose oder Sedierung ist in den allermeisten Fällen nicht notwendig. Die Zeitdauer beträgt in der Regel je nach Wirbelsäulenregion ungefähr 1 Stunde. Die Behandlung wird selbstverständlich unter örtlicher Betäubung vorgenommen. Es schmerzt daher nur der Einstich zur Lokalanästhesie. Die Wärmeanwendung zur Verödung der Schmerznerven ist für den Patienten schmerzfrei. Die Behandlung ist prinzipiell nach 3 Monaten wiederholbar.

Gibt es Risiken? Für wen kommt die Denervierung in Frage? Muss man sich nachher schonen? Was empfehlen Sie nach der Behandlung?

Risiken oder Komplikationen sind selten und in unserem orthopädischen Zentrum bisher in keinem Fall aufgetreten. Denkbar sind lokale Infektionen, Allergien auf die verwendeten Medikationen (z.B. Lokalanästhesie) oder auch Nervenschäden durch unzureichend geschulte und trainierte Ärzte. Eine körperliche Schonung ist nur für den Behandlungstag erforderlich. Nach der Behandlung sollte eine intensive physiotherapeutische und physikalische Behandlung frühestens 24 Stunden nach der Intervention erfolgen.

Lässt sich durch die Denervierung eine Operation vermeiden? In welchen Fällen muss operiert werden?

Durch die Denervation der kleinen Wirbelgelenke lässt sich sehr häufig eine Operation vermeiden. Insbesondere kommt es im Gegensatz zu Operationen an der Wirbelsäule nicht zu Verwachsungen und Vernarbungen. Dies trifft insbesondere im Bereich von Nervenstrukturen zu, welche nach operativen Eingriffen nicht selten erneute Beschwerden verursachen. Die Indikation zu einem operativen Eingriff an der Wirbelsäule lässt sich nicht pauschalisieren. Es müssen in jedem Falle der Nutzen und die Risiken einer Operation an der Wirbelsäule sorgfältig abgewogen werden. Selbst bei Bandscheibenvorfällen mit Gefühlstörungen und beginnenden Lähmungen in den betreffenden Gliedmaßen können heute Operationen durch die modernen interventionellen Maßnahmen und Eingriffe geschulter Wirbelsäulenexperten häufig vermieden werden. Beim Rückenschmerz sind beispielsweise die 10-Jahres-Ergebnisse mit und ohne operativen Eingriff (Wirbelkörperfusion) nahezu gleich: Das heißt, dass man sich die Operation mittels Spondylodese hätte ersparen können.

Eine zwingende Notwendigkeit zu einer Operation besteht nur beim sogenannten Nervenwurzeltod (wenn ein durch Bandscheibenvorfall massiv komprimierter Spinalnerv plötzlich keine Schmerzsignale mehr abgibt bei gleichzeitig bestehender Parese und Gefühlsstörung der betreffenden Extremität) und beim sogenannten Cauda Conus-Syndrom. Von einem Cauda Conus-Syndrom spricht man, wenn bei einem massiven Bandscheibenvorfall in der LWS plötzlich ein Gefühlsausfall im Bereich der Genitalregion und der Innenseiten der Oberschenkel (Reithosenanästhesie) verbunden mit einem Kontrollverlust über die Stuhlgangs- und Blasenfunktion entsteht.

Kann man Spondylarthrose durch irgendwelche Maßnahmen vorbeugen?

Die Entstehung einer Spondylarthrose ist multifaktoriell, wobei Fehlbelastungen im täglichen Leben sowie eine Unterentwicklung der Muskulatur der Wirbelsäule in Kombination mit genetischen Faktoren die größte Rolle spielen. In jedem Fall ist ein konsequentes Muskelaufbautraining der wirbelsäulenumspannenden Muskulatur zur Stabilisierung der Wirbelsäule zur Vorbeugung, aber auch bei bereits bestehenden Beschwerden und Schäden der Wirbelsäule erforderlich. Dies sollte zunächst über 3 Monate mit einem Physiotherapeuten begonnen und trainiert werden. Anschließend können Übungen an Geräten oder auch selbständiges Üben unter gelegentlicher physiotherapeutischer oder trainingstherapeutischer Kontrolle durchgeführt werden. Ergotherapeutisch sollte eventuell richtiges Sitzen und das richtige Bewegungsverhalten im Alltag und Beruf überprüft und geschult werden.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Autor: Dr. med. Jean-Louis Dumas, Facharzt für Orthopädie, Chefredakteur

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